Interview mit Moto Waganari

Herr Waganari, Sie arbeiten seit Jahren mit den Print Pioneers zusammen. Was fasziniert Sie am 3D-Metalldruck?

Das sind verschiedene Aspekte. Zum einen die Technologie. Es reizt mich herauszufinden, was alles möglich ist mit der Maschine. Da kann sich der kreative Tüftler in mir voll ausleben.

Zum anderen unterscheidet sich die Arbeit im 3D-Metalldruck extrem von meinen bisherigen Arbeitsweisen. Man sieht diesen Kunstwerken an, wie sie entstanden sind: Schicht für Schicht wird Metalldraht aufgeschweißt. Da wächst etwas, wie ein Baum, der sich langsam nach oben streckt. Und selbst die so genannten „Fehler“ in der Oberfläche erzählen eine Geschichte und geben dem Objekt seine einzigartige Ästhetik. Auf diese Weise wird jede Skulptur zu einem Unikat.

Im industriellen Einsatz wird jedes Stück noch nachbearbeitet und glatt gefräst. Dann erkennt der Betrachter nicht mehr, ob das Bauteil aus einem Metallklotz herausgefräst oder gedruckt wurde. Aber genau das möchte ich nicht. Für mich als Künstler ist dieses Unregelmäßige das Faszinierende. Ich will meine Arbeit gar nicht zurückzwingen in die glatte Oberfläche.

Nicht zuletzt beantwortet der 3D-Metalldruck natürlich auch die Frage der Nachhaltigkeit. Ich setze nur das Material ein, dass ich wirklich brauche. Ich muss nichts wegwerfen. Am liebsten verzichte ich auch ganz auf eine Lackierung und lasse die Oberflächenstruktur für sich sprechen.

Welches Feedback bekommen Sie von Kunstinteressierten?

Was hier entsteht, ist Hightech zum Anfassen. Die Menschen verfolgen gespannt, wie Künstler mit neuen Technologien umgehen. Ich bekomme viele interessierte Fragen zur Entstehungsweise. Die Mischung aus Technik und Kunst berührt den Betrachter. Ausstellungsbesucher sind versucht, über die Oberflächen zu streichen, sie zu berühren! Wenn meine Kunst das schafft, habe ich mein Ziel erreicht: die Sinne der Menschen anzusprechen.

Seit wann arbeiten Sie mit Metall bzw. mit 3D-Druck?

Neue digitale Instrumente inspirieren mich. Mit 3D-Programmen auf dem Computer arbeite ich bereits seit über 20 Jahren. Seit den ersten Anfängen beschäftige ich also mit dem 3D-Druck. Für Skulpturen allerdings nur mit Kunststoff. Die (meist kleinen) Objekte musste ich dann nachträglich metallisieren, um den gewünschten ästhetischen Eindruck zu erhalten.

Als sich dann die Zusammenarbeit mit den Print Pioneers ergab, war ich begeistert. Endlich konnte ich mit Metall arbeiten und die Möglichkeiten des 3D-Drucks nutzen. Ich hatte viele Entwürfe in der Schublade, die sich bis dahin nicht realisieren ließen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Print Pioneers?

Das ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Gemeinsam betreten wir Neuland und experimentieren, probieren aus, was möglich ist. Das ist immer wieder wie eine Machbarkeitsstudie, wenn wir neue Formen ausprobieren. Wir sammeln Erfahrungen und entdecken neue Lösungen.

Die Art der Zusammenarbeit zwischen Künstler und Werkstatt entspricht unserer digitalen Gegenwart. Wir stehen über Videotelefonie im engen Austausch. Die Druckdaten schicke ich als CAD-Datei nach Berlin. Wir besprechen notwendige Änderungen und so entsteht in mehreren Schritten der Prototyp.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Welche Formen interessieren Sie?

Gerade die Arbeit mit dem 3D-Druck hat mich zu den Formen der Natur zurückgebracht, zu der Frage des natürlichen Wachstums. So entstanden der Baum, die Muscheln wie auch menschenähnliche Objekte. Die Natur macht uns vor, was an Schönheit möglich ist. Wir versuchen diese Ästhetik digital zu reproduzieren.

Gleichzeitig spiele ich mit den verfügbaren digitalen Werkzeugen. Über die 3D-Software kann ich ganz anders gestalten als mit Bleistift und Papier. Ich bereite meine Arbeit mit Zahlenwerten und Algorithmen vor und kann dann am Bildschirm im Echtzeit verfolgen, wie sich etwa ein Stück Stoff im Wind verhält. Selbst die Windstärke habe ich vorher einstellt. Die finale Form wird dabei zu einem eingefrorenen Bewegungsablauf.

Auf diese Weise kann ich mit meinen Formen spielen, sie von allen Seiten betrachten, breiter oder höher ziehen, bis ich das Optimum erreicht habe.

Ist auf diese Weise auch die Skulptur „Nautilus“ entstanden?

Ganz genau. Am Anfang ging es nur um die Form. Ich hatte die Vorstellung von einer Helix und von Wachstum. Was passiert, wenn ich eine Spirale in die Höhe wachsen lasse? Ich habe sie als halbgeschlossene Form gestaltet. Von oben betrachtet ähnelt das Objekt einer Welle. Daher übrigens auch der Name „Nautilus“.

Im zweiten Schritt habe ich am Bildschirm ein Rendering erstellt, also eine Computergrafik, die fast wie ein Foto der fertigen Skulptur aussieht. Da stimmt sogar die besondere Oberfläche aus dem 3D-Druck. Als ich mit Licht experimentiert habe, um zu sehen, wie man das Objekt am besten ausleuchtet, zeigte sich eine besondere Wirkung, wenn das Licht von unten kommt, vom Inneren her.

Daher haben wir entschieden, dass unsere „Nautilus“ eine perfekte Lampe abgibt. Mit Licht lässt sie sich perfekt inszenieren.

Wo sehen Sie das größte Potential für die 3D-Technologie?

In der Kombination von Kunst und Anwendung. Wer sagt, dass praktische Dinge immer hässlich sein müssen? Oder dass Kunst neben seiner Ästhetik nicht auch noch eine Aufgabe übernehmen darf?

Gemeinsam mit den Print Pioneers und Ingenieurbüros arbeiten wir an dem großen Thema Stadtmobiliar. Im Fokus stehen aktuell Sicherheitspoller, die Plätze und Wege für den Verkehr absperren. Diese Vorrichtungen benötigen ein stabiles Innenleben. In der äußeren Hülle sind wir völlig frei. Wir verschmelzen diese funktionellen Anforderungen zu einer Poller-Skulptur. Sie erfüllt alle Anforderungen an Stabilität. Damit kann sich das Gesicht unserer Städte wandeln. Im August werden die ersten Poller in Berlin installiert – vor den berühmten Gärten der Welt.

Und auch in der Architektur kann die Technologie ihre Stärke ausspielen. Unter den Architekten wächst eine neue Generation heran, die sich ohne Berührungsängste mit den neuen Möglichkeiten vertraut macht. Bisher wurden Teile immer mit T-förmigen Verbindungsteilen fixiert. Das schränkt in der Gestaltung stark ein. Heute kann das individuell angefertigt werden – und zwar zu annehmbaren Kosten. Das ermöglicht völlig neue Entwürfe.

Ich freue mich schon auf die kommenden Projekte mit den Print Pioneers.